Es gibt Golf-Journeys, die verlaufen in ruhigen Bahnen: Schnupperkurs, Platzreife, ein paar Jahre später vielleicht das erste Turnier. Und dann gibt es André Krieger.
André hat am 1. September 2025 seine Platzreife gemacht. Ein Jahr später hat er 24 handicaprelevante Turniere gespielt, rund 150 Runden über 18 Loch hinter sich, ist Mitglied in zwei Clubs, steht bei Handicap 23,9 – und hat nebenbei sein eigenes Golfturnier mit 72 Teilnehmern und über 10.000 Euro Preiswert auf die Beine gestellt. Vier bis fünf Tage die Woche steht er auf dem Platz. Und einen großen Teil davon streamt er live.
Die meisten kennen ihn unter dem Namen Commander Krieger. Er hatte in den 2010er-Jahren einen der größten Gaming-Kanäle auf YouTube. Dass er heute mit dem Trolley und Funkmikrofon über die Fairways läuft, hat mit einem Arztgespräch zu tun, das er so schnell nicht vergessen wird.
In dieser Episode sprechen wir über seinen Weg zum Golf, über Handicap-Ziele und Fittings, über Trackman im Winter, über Etikette zwischen Tradition und Bremsklotz – und darüber, wie man als Einzelperson ein Turnier organisiert, bei dem der Verlierer eines Putt-Duells in den Bunker muss.
Der Wendepunkt: Schlaganfall mit 45
André hat 2010 mit YouTube angefangen. Damals arbeitete er als Croupier im Casino, kam nachts um drei oder vier nach Hause und suchte einen Weg, runterzukommen. Kollegen zockten Call of Duty auf der PlayStation. Er probierte es, fand Videos, in denen ihm jemand erklärte, wie er besser wird, wurde besser – und wollte irgendwann selbst genau das machen. 2011 kam YouTube auf ihn zu und fragte, ob er damit Geld verdienen möchte. Seitdem macht er das hauptberuflich, nach einem klaren Prinzip: Er macht das, worauf er Lust hat.
Auf Gaming folgten Tauchen und Reisen, dazwischen Wildtierfotografie und Fahrradfahren. Das Tauchen war dabei mehr als ein Thema für den Kanal – er hat Tauchreisen mit seiner Community unternommen und beschreibt es als das, was ihn ausgeglichen hat. Nur: Als Warmwassertaucher musste er dafür reisen. Und mit Corona brach genau das weg.
Was folgte, beschreibt er offen: eine Phase, die ihn in eine Art Depression gebracht hat, viel zuckerhaltige Getränke, deutliche Gewichtszunahme. 2024 dann der Schlaganfall. Bei 2,01 Metern Körpergröße wog er zu diesem Zeitpunkt 170 Kilo. Sein Arzt stellte ihn vor zwei Optionen – die eine hätte bedeutet, dass er sich um seine Rente keine Gedanken mehr machen muss.
Der eigentliche Auslöser war dann nicht die Diagnose, sondern die Reaktion seiner heutigen Verlobten. Sie saß weinend vor ihm und sagte, sie wolle ihn nicht verlieren. Ab da hat er abgenommen.
Wie André zum Golf kam – und beim ersten Versuch wieder umdrehte
An Golf war vorher überhaupt nicht zu denken. Neun oder gar 18 Loch zu laufen, wäre schlicht nicht möglich gewesen – vielleicht zwei Löcher.
Nach der Gewichtsabnahme lud ihn ein Streamer-Kollege zu einem kleinen Golf-Event in Köln ein. Ein bisschen Range, ein bisschen Putting-Grün, dann zwei, drei Löcher auf dem Kurzplatz. Das erste Par 3. Und das war der Moment, der ihn angefixt hat.
Der Weg dorthin war trotzdem nicht geradlinig. Er fuhr zum Golfplatz um die Ecke – in Jeans, obwohl er wusste, dass das verpönt ist. Er sah die Leute dort und dachte: Hier fühle ich mich nicht wohl, hier gehöre ich nicht hin. Am nächsten Tag kam er in Cargohose wieder und meldete sich für die Platzreife an.
Die Vorurteile, die viele vom Golf abhalten
Genau diese Hemmschwelle ist einer der Gründe, warum André heute Golf-Content macht. Er hatte am Anfang exakt die gleichen Vorurteile wie viele andere: Da seien nur Ärzte, Anwälte, Professoren – da habe man als Normalsterblicher nichts zu suchen.
Wer schon tief drin ist im Golfsport, kennt diese Vorurteile kaum noch. Wer draußen steht, hat damit ein riesiges Problem. Dass es anders läuft, hat er ziemlich schnell gemerkt: Nach seinem ersten Golf-Video sprach ihn sein Postbote an, ob er nicht vor Kurzem ein Video von diesem Golfplatz hochgeladen habe. Inzwischen waren die beiden rund 20 Mal zusammen Golf spielen – und sind befreundet.
Andrés Golfalltag: vier bis fünf Tage die Woche auf dem Platz
Auf YouTube sieht man nur einen kleinen Bruchteil davon. Sein Kanal ist in mehrere Formate aufgeteilt: Er ist Mitglied in einem Club im Münsterland, an den über einen Greenfee-Verbund weitere Anlagen angeschlossen sind – diese Plätze möchte er zeigen. Sein Argument: Wer sich einen Platz anschauen will, findet auf den Vereinsseiten wenig, im Glücksfall ein Drohnenvideo. Auf YouTube gibt es die üblichen bekannten Kanäle, aber schlicht zu wenige.
Dazu kommt das Format Turniere. Auch davon gibt es aus seiner Sicht zu wenig auf YouTube – dabei nimmt es Anfängern genau den Druck, wenn sie einmal sehen, wie ein Turniertag tatsächlich abläuft. Und dann natürlich Training, wobei er dort eher zeigt, woran er gerade arbeitet.
Interessant für alle, die ihr eigenes Training hinterfragen: André verbringt deutlich mehr Zeit auf dem Putting- und Pitching-Grün als auf der Range. Von der Matte zu schlagen bringt ihm wenig, weil er sich den Ball dort immer schön hinlegt. Ein Körbchen zum Einschlagen vor dem Turnier, 15 Bälle – das reicht ihm.
Von der Platzreife zu Handicap 23,9 in zwölf Monaten
Den Winter nach der Platzreife hat André in der Halle verbracht, mit Trackman und ohne Trainer, einfach um Runden zu spielen und sich auf die Saison vorzubereiten.
Sein erstes Turnier spielte er Anfang April – ein Neun-Loch-Turnier, bei dem er sich nicht runterspielte und, in seinen Worten, komplett reingeschissen hat. Das wollte er nicht auf sich sitzen lassen und zog drei, vier Tage später direkt zum nächsten. Dort, über 18 Loch, klappte es: Handicap 30,6.
Danach ging es Schlag auf Schlag. 24 handicaprelevante Turniere in dieser Saison, dazu Scrambles und Vierer. Rund 150 bis 160 Runden über 18 Loch. Am Samstag vor der Aufnahme spielte er sich auf 23,9 runter.
Handicap-Ziele: 15 bis Mitte nächsten Jahres, langfristig Single
Seine Zielsetzung hat er dabei Schritt für Schritt nachgezogen: erst Handicap 36, dann 26,5, jetzt 15 – und zwar bis Mitte des nächsten Jahres. Langfristig soll es Richtung Single-Handicap gehen.
Spannend ist sein Blick auf das eigene Limit. Früher hat er leistungsmäßig Basketball gespielt, dort kannte er seine Grenze sehr schnell. Beim Golf kann er sie überhaupt nicht einschätzen – und genau das ist für ihn der Reiz.
Live vom Golfplatz streamen: Technik und Etikette
André überträgt Runden live auf Twitch, teilweise sogar Turniere, wenn er die Erlaubnis bekommt. Eine Brustgurt-GoPro reicht dafür nicht – die Verbindung würde abbrechen oder die Qualität nicht ausreichen.
Sein Setup ist bewusst minimalistisch: ein iPhone 16, fest am Trolley befestigt, dazu ein mobiler Router mit vier bis fünf SIM-Karten und ein Funkmikrofon. Keine zusätzlichen Kameras, die er aufstellen und wieder einsammeln müsste – das würde ihn aus dem Konzept bringen und die Mitspieler nerven.
Wichtiger als die Technik ist ihm der Umgang damit. Vor jedem Stream spricht er es mit allen im Flight ab. Sagt einer Nein, bleibt die Technik weg – ohne Diskussion. Und es gibt Turniertage, an denen er sich selbst zu hundert Prozent konzentrieren will, weil das Kommentieren für die Community ihn spürbar aus dem Rhythmus bringt. Umgekehrt gibt es Mitspieler, die ausdrücklich darum bitten, weil sie sich hinterher selbst im Stream sehen wollen: Wie schwinge ich eigentlich im Turnier? Wie bereite ich mich auf einen Putt vor?
Warum er auch die schlechten Runden zeigt
Authentizität ist ihm nach eigener Aussage zu hundert Prozent wichtig. Am Tag vor der Aufnahme spielte er beim Herrentag 21 Nettopunkte, jeder Drive ging nach rechts. Am Samstag davor 22 Nettopunkte. Am Sonntag spielte er sich runter. Er kommuniziert das offen – Bilderbuchrunden gibt es aus seiner Sicht auf YouTube genug.
Golffitting: Was es wirklich gebracht hat
Auf die Idee, sich fitten zu lassen, wäre André von allein nicht gekommen. Man spielt mit dem, was man hat, und weiß schlicht nicht, was möglich wäre. Über einen Kontakt kam er zu einem Fitting – und stellte fest, dass zehn bis 15 Meter mehr drin waren, bei gleichzeitig höherer Präzision.
Besonders spannend ist sein Putter-Fitting, weil das die wenigsten machen, obwohl der Putter der meistgenutzte Schläger im Bag ist. Der Fitter erklärte es ihm mit einem Bild, das André seitdem verinnerlicht hat: Es gibt Menschen, die in einer Werkstatt mit Hammer und Amboss arbeiten und krasse Kräfte gewohnt sind. Und es gibt Uhrmacher im Juweliergeschäft, die filigran und sehr vorsichtig arbeiten. Gibt man dem einen die Pinzette, funktioniert das nicht – und umgekehrt genauso. Jeder Mensch hat seinen persönlichen Sweet Spot.
André hatte über seinen Pro schon viele Putter ausprobiert und relativ schnell gemerkt, welche Form ihm liegt. Beim Fitting stellte sich heraus: Sein Putter war gut, ließ sich aber noch optimieren. Die Zahlen auf dem Platz haben sich danach messbar verbessert.
Übrigens seine Antwort auf die Bag-Frage: der Putter. Dazu Achter- und Neuner-Eisen. Seine Wohlfühlzone liegt bei 100 bis 120 Metern – da fühlt er sich am präzisesten.
Das eigene Golfturnier: 72 Starter, Putt-Duell und über 10.000 Euro Preiswert
Nach den ersten Videos meldeten sich viele aus seiner Community: Komm doch mal vorbei, wir spielen eine Runde. Theoretisch hätte er sich ins Auto setzen und tausende Kilometer abnudeln können – praktisch war das nicht machbar. Also drehte er die Sache um und holte alle an einen Ort.
Er sprach den Club an, in dem er die Platzreife gemacht hat, eine Neun-Loch-Anlage. Man einigte sich auf 72 Teilnehmer. 81 wären wohl auch noch gegangen, aber das wäre kritisch geworden. Die Idee entstand grob im November.
Warum ihn die üblichen Turnierpreise gestört haben
Aus den ersten selbst gespielten Turnieren nahm André eine gewisse Enttäuschung mit: zwei Bälle für den Gewinner, ein 20-Euro-Gutschein, ein Handtuch. Er wollte wissen, wie man das geiler machen kann.
Zwei Beobachtungen halfen: Bei einem Summer-Open-Turnier hatte jeder über eine Art Tombola etwas gewonnen. Und bei einer Cliff-Diving-Meisterschaft in Bad Berleburg stand eine Sonnenschutzcreme-Marke mit einem Spender, an dem sich jeder kostenlos bedienen konnte.
Daraus entstand die ursprüngliche Idee: An jedem der neun Löcher ein eigener Sponsor, der sich auch in der Goodie Bag wiederfindet. Die Creme an Tee 1, damit sich vor der Runde jeder eincremen kann. So ist es am Ende nicht komplett geworden – die Idee findet er trotzdem weiterhin stark.
Was am Turniertag tatsächlich passiert ist
Gespielt wurde ein handicaprelevantes Neun-Loch-Turnier. Drumherum baute André mehrere Side-Events:
- Putt-Duell: Auf dem Putting-Grün wurde im 1-gegen-1 gegeneinander geputtet. Der Gewinner kam weiter, der Verlierer musste in den Bunker und mit dem Wedge so nah wie möglich an die Fahne. Auch dafür gab es einen Schläger als Preis.
- Vorgabeloch: Ein Fitter spielte mit. Sein schlechtestes Loch wurde zum Vorgabeloch – wer es gleich gut oder besser spielte, hatte die Chance auf einen Preis. Der Gewinner bekommt jetzt ein individuell für ihn gefittetes Holz 7 nach Hause geschickt.
- Wanderpokal für den Letzten: Der Schlechteste bekam einen Wanderpokal – und darf im nächsten Jahr kostenlos wieder starten.
Insgesamt wurden Preise und Goodie Bags im Gesamtwert von über 10.000 Euro ausgeschüttet. Vom Kühltuch für acht Euro bis zum Elektro-Trolley als Hauptpreis, dazu Push-Trolleys, Taschen und Putter-Fittings. Sein eigener Kommentar dazu: Warum ist er eigentlich der Erste, der das so macht?
Ganz reibungslos lief es trotzdem nicht. Bestellte Schuhbags, die als Goodie Bags dienen sollten, kamen nicht an. Zwölf bis zwanzig Stunden vor dem Start steckte also noch jede Menge Arbeit drin.
Warum eine Turnierserie kompliziert ist
Pläne für das nächste Jahr gibt es, konkret ist noch nichts. Über eine Serie hat André nachgedacht – und ist dabei auf Hürden gestoßen, an die kaum jemand denkt. Amateure dürfen nur Preise bis zu einer bestimmten Wertgrenze annehmen. Löst man das über eine Tombola, landet man als Veranstalter schnell beim Thema Glücksspiel. Und wer eine durchlaufende Serie mit Sponsoren aufzieht, dem lässt sich unter Umständen eine Gewinnerzielungsabsicht unterstellen. Er will einfach ein geiles Turnier mit geilen Preisen – und muss dafür sehr genau aufpassen, wie er es aufsetzt.
Trackman-Handicap vs. echter Platz
Wer im Winter viel am Simulator spielt, kennt die Frage: Wie viel davon zählt eigentlich? André hat ein Trackman-Handicap, aktuell nicht auf dem neuesten Stand, weil er bei gutem Wetter nicht in die Halle geht. Sein letzter Stand dort war 26 – zu einer Zeit, als er auf dem Platz noch bei 36 stand.
Die Faustregel, die er von der Anlage mitbekommen hat: Das Trackman-Handicap liegt ungefähr zehn Nummern unter dem realen Handicap.
Er spielt dabei mit klaren Regeln: Er muss aufs Grün spielen und in einen kleinen Radius putten, dann gibt es ein Gimme. Trotzdem ist für ihn klar, dass der Simulator die Realität nicht ersetzt. Im Bunker stehen, wirklich im Rough stecken, eine Hanglage mit den Füßen spüren – das kann der Computer nicht ansatzweise abbilden.
Was ihm dagegen enorm hilft: der Blick zurück auf eigene Videos. Weil er schon vor der Platzreife hochgeladen hat, kann er wie in einem Tagebuch zurückblättern und sehen, wie sein Schwung vor einem Jahr aussah. Sein Wunsch für die Zukunft: eine Instanz, die einem sagt, wie sich der richtige Schwung anfühlen muss – von der Handbewegung bis zur Gewichtsverlagerung.
Was sich im Golfsport ändern muss
Andrés zentrale Forderung: Die Hemmschwelle muss runter. In Deutschland braucht es die Platzreife und einen Nachweis – die Idee dahinter findet er nicht schlecht, den Zugang aber zu schwer. In anderen Ländern geht man einfach auf den Platz und spielt.
Trackman-Anlagen und Topgolf sind für ihn kein vollwertiger Ersatz. Nett für einen Junggesellenabschied, und der eine oder andere findet so tatsächlich zum Golf. Aber die eigentliche Sucht entsteht woanders: Du schlägst einen guten Schlag, gehst hin, siehst den Ball nah am Stock liegen und musst ihn nur noch einlegen. Dieses Erfolgserlebnis ist der Grund, warum wir Golf spielen. Oder wie der Spruch geht: I hate golf, I hate golf, I hate golf. Nice shot – I love golf.
Sein Vorschlag: mehr Kurzplätze, freier zugänglich, und deutlich mehr Jugendförderung über Schulen und Arbeitgeber. Ferienangebote gibt es, aber aus seiner Sicht immer noch zu wenig.
Etikette: Tradition oder Bremsklotz?
Bei der Etikette sieht André einen schmalen Grat. Sie ist Teil der Tradition, die den Sport ausmacht – und fängt beim Ausbessern der Pitchmarke an. Sie endet bei manchen Clubs aber schon beim Polohemd, das in der Hose zu stecken hat.
Er selbst hat Kritik bekommen: Du redest von Etikette und hast das Shirt nicht in der Hose, so dürftest du bei uns gar nicht spielen. Oder: Bei uns dürftest du gar nicht filmen. Damit hat er kein Problem. Wer bezahlt, bestimmt die Musik – wenn ein Club eine Hausregel hat, richtet er sich danach. Er wünscht sich nur insgesamt etwas mehr Offenheit darin, wie sich der Sport nach außen präsentiert.

