Aaron Leitmannstetter spielt Golf, seit er drei Jahre alt ist. Er war im Nationalkader, hat auf internationalen Pro-Touren in Asien und im Nahen Osten gespielt und ist heute Sportwissenschaftler und Breathwork Coach. In der aktuellen Episode von NextFairway erzählt er seine Golf Journey, vom ersten Plastikschläger im Garten seiner Eltern bis zu seinem aktuellen Projekt Road2 350 Yards. Wer wissen möchte, wie viel mehr hinter einer Profikarriere steckt als reine Schwungtechnik, findet in diesem Beitrag alle wichtigen Learnings aus dem Gespräch.
Vom Plastikschläger im Garten zum bayerischen Nationalkader
Aaron wuchs in einer Sportlerfamilie auf. Sein Vater spielte früher gut Fußball und ist zusätzlich Skilehrer, weshalb Aaron mit den drei Sportarten Fußball, Ski und Golf aufwuchs und alle drei lange mit ähnlicher Intensität betrieb. Mit elf, zwölf Jahren musste er sich entscheiden, und obwohl fast alle seine Freunde dem Fußball verfallen waren, wählte er den Einzelsport Golf. Früh gewann er bayerische Meisterschaften, und genau dieses Erfolgserlebnis, das Gewinnen selbst, war für ihn ein wichtiger Antrieb, am Ball zu bleiben.
Golfinternate, wie es sie heute gibt, existierten damals noch nicht. Stattdessen holte Aarons Mutter ihn regelmäßig von der Schule ab und fuhr direkt zum Golfplatz, während Hausaufgaben oft erst abends oder unterwegs bei Turnieren erledigt wurden. Die Fehltage in der Schule waren zeitweise fast zahlreicher als die reguleren Schultage, wobei ihm viele Lehrer entgegenkamen und Prüfungstermine flexibel gestalteten.
College oder direkter Sprung zum Profi: Eine Entscheidung mit Konsequenzen
Wie viele ambitionierte Nachwuchsspieler stand auch Aaron vor der Frage, ob er ein Golfstipendium in den USA annehmen sollte. Er entschied sich dagegen, unter anderem weil Gespräche mit anderen Spielern, die diesen Weg bereits gegangen waren, ihm ein eher durchwachsenes Bild vom akademischen Teil vermittelten. Stattdessen wurde er mit rund 18 Jahren Profi. Im Rückblick sagt er, dass er mit dem eingeschlagenen Weg zufrieden ist, würde jungen Spielern mit guten Möglichkeiten heute aber eher empfehlen, den Sprung nach Amerika zu wagen. Der Wechsel aus dem behüteten deutschen System in ein hart umkämpftes College-Umfeld sei ein unbezahlbarer Entwicklungsschritt, gerade weil man sich dort komplett allein durchsetzen müsse.
Der Übergang vom geförderten Nationalkader zum eigenständigen Profidasein beschreibt Aaron als den entscheidenden Bruch: Wer im Kader ist, wird bestens betreut, hat Trainer, Trainingslager und finanzielle Unterstützung. Als Profi steht man dagegen plötzlich völlig auf eigenen Beinen, muss aber ebenso schnell erwachsen werden.
Leben als TourPpro: Turniere in Asien, Jahre in Dubai und der finanzielle Kraftakt
Aaron startete auf der Progolf Tour, der früheren EPD Tour, und verlagerte seinen Fokus zunehmend Richtung Asien und Dubai, wo er auch einige Jahre lebte. Als Tourpro gewann er zwei internationale Turniere, eines im Oman und eines in Portugal, beide auf der damals angesehenen Mena Tour, die von der Preisgeldstruktur zwischen Pro Golf Tour und Challenge Tour einzuordnen war.
Ein wiederkehrendes Thema im Gespräch ist die Finanzierung einer jungen Profikarriere. Aaron beschreibt, wie er anfangs versucht hat, Sponsoren mit dem klassischen Logo-auf-der-Brust-Angebot zu gewinnen, und wie wenig zielführend das war. Erfolgreicher war ein offener Dialog, bei dem er Unternehmen konkrete Gegenleistungen wie gemeinsame Golftage mit Kunden anbot. Parallel betont er, wie wichtig Social Media inzwischen für den Aufbau einer eigenen Marke junger Spieler geworden ist, warnt aber davor, die Balance zwischen Markenaufbau und sportlichem Fokus zu verlieren.
Covid, Verletzungen und der Wendepunkt zur Sportwissenschaft
Der Bruch in Aarons Karriere kam mit der Corona-Pandemie. Turniere wurden teils sehr kurzfristig abgesagt, während Kosten bereits entstanden waren, und zeitgleich zog sich Aaron eine schwere Verletzung zu. In dieser Phase begann er, sich intensiver mit seinem damaligen Hobby auseinanderzusetzen: der Sportwissenschaft. Er studierte das Fach, machte seinen Master und vertiefte sich in die Themen Biohacking und Atmung. Aus dieser Zeit entstand auch der Gedanke an ein zweites berufliches Standbein neben dem aktiven Sport.
Warum die Golftechnik nach Aarons Erfahrung nur zehn Prozent ausmacht
Ein zentrales Learning aus seiner Zeit im internationalen Feld beschreibt Aaron so: Viele der besten Spieler, mit denen er zusammen gespielt hat, fokussierten sich weniger auf technische Perfektionierung des Schwungs, sondern vor allem auf die eigenen Stärken und auf viele Wettkampfsimulationen statt reinem Techniktraining. Seiner Einschätzung nach macht der reine Golfschwung nur etwa zehn Prozent des Spiels aus, während Körper und Kopf den weitaus größeren Anteil ausmachen. Als Vier-Säulen-Modell nennt er Körper, Technik, Mentales und Lifestyle, und empfiehlt, sich in jedem dieser Bereiche ehrlich selbst zu bewerten, um den größten Hebel für Verbesserung zu identifizieren.
Atmung als Gamechanger: Aarons Prinzipien für mehr Ruhe und Fokus
Besonders ausführlich spricht Aaron über die Rolle der Atmung, ein Thema, das seiner Meinung nach im Amateurgolf stark unterrepräsentiert ist. Über die Atmung habe man einen der wenigen direkten Zugänge zum eigenen Nervensystem, sowohl um sich zu beruhigen als auch um sich zu aktivieren. Konkret empfiehlt er, sich am Abschlag auf die nächsten drei Atemzüge zu konzentrieren, das Ausatmen bewusst zu verlängern und durch die Nase entspannt auszuatmen. Das sendet dem Körper ein Signal der Sicherheit und holt den Kopf aus Zukunftsgedanken zurück ins Hier und Jetzt.
Als Grundprinzip empfiehlt Aaron, das eigene Atemmuster in Stresssituationen zu beobachten, kurz, hoch und ohne richtiges Ausatmen, und es bewusst dem Atemmuster entgegenzusetzen, das in entspannten Momenten wie auf der Couch am Abend auftritt: ruhig, kaum hörbar, mit Fokus auf der Ausatmung. Diese Kernprinzipien lassen sich nach seiner Erfahrung bereits innerhalb von rund dreißig Minuten erlernen und wirken weit über den Golfplatz hinaus, etwa im stressigen Berufsalltag.
Road2 350 Yards: Wie aus der größten Schwäche ein Projekt voller Leidenschaft wurde
Das Projekt “Road to 350 Yards” entstand Ende letzten Jahres bei einem Spaziergang mit einem Freund an der Isar. Ausgerechnet der Drive, über zehn Jahre lang sein größter Schwachpunkt, sollte zum Fokusthema werden. Aaron hatte über Jahre versucht, seinen Rückschwung technisch zu verkürzen, um Kontrolle zu gewinnen, verlor aber weiterhin im Schnitt ein bis drei Bälle pro Runde, was auf Turnierniveau schlicht nicht konkurrenzfähig ist.
Sein Ansatz war ein anderer: Statt weiterer technischer Feinjustierung brachte er seine Leidenschaft für Sportwissenschaft und Biohacking in sein Driving ein, mit dem Ziel, 350 Yards Carry zu schlagen, umgerechnet etwa 320 Meter. Seine Ausgangsbasis lag bei rund 300 Yards. Statt klassischer Speed-Trainings mit Speed Sticks setzte er auf einen holistischen Ansatz über Fitnesstraining und eine flüssigere Bewegungssequenz, unter anderem mit Würfen mit schwereren Medizinbällen, die den Körper auf maximalen Kraftoutput statt auf einzelne Gelenkpositionen fokussieren. Mittlerweile hat er im Training 356 Yards Carry erreicht, die nächste Mission ist, diese Leistung auch im Turnier abzurufen.
Der Mindset-Shift: Vom Fehlervermeiden zum richtig geilen Schlag
Ein besonders eindrückliches Learning aus dem Road2-350-Projekt ist der mentale Wandel, den Aaron dabei durchlaufen hat. Früher stand er am ersten Abschlag mit dem Ziel, bloß nicht ins Aus zu schlagen und den sicheren, flachen Fade zu spielen, den er jahrelang trainiert hatte. Heute sucht er sich stattdessen ein strategisches Ziel und will schlicht einen richtig guten Schlag dorthin setzen, unabhängig davon, ob es ein sicherer Schlag, ein hoher Draw oder etwas anderes ist. Dieser Shift weg vom Fehlervermeiden hin zu einer positiven Zielausrichtung hat nach seiner Beobachtung nicht nur seine Weite, sondern auch die Streuung seiner Drives spürbar verbessert.
Aarons Golfalltag heute: Zwischen Coaching, Content und reduziertem Training
Aaron sieht sich weiterhin in erster Linie als Athlet und Golfprofi, hat aber inzwischen zwei weitere Standbeine aufgebaut: Coaching, bei dem er eigene Fehler und Erkenntnisse an andere weitergibt, und Content Creation auf Instagram rund um Coaching-Themen und sein Leben als Athlet. Verglichen mit früheren Jahren, in denen er von früh bis spät auf dem Golfplatz verbrachte, ist sein aktuelles Trainingspensum deutlich reduziert, da viel Zeit in Coaching und Social Media fließt. In einer typischen Woche kommt er derzeit auf drei Trainingseinheiten von etwa einer bis eineinhalb Stunden sowie zwei Runden über neun und eine Runde über achtzehn Löcher. Für dieses Jahr plant er, ab Ende Juli wieder verstärkt Turniere zu spielen, mit Blick auf eine mögliche Qualifikation für die DP World Tour zum Jahresende.
Der aktuelle Lieblingsschläger im Bag
Auf die Frage nach seinem aktuellen Lieblingsschläger antwortet Aaron ohne zu zögern: der Driver. Noch vor drei Jahren wäre die Antwort eine ganz andere gewesen, denn der Driver war lange sein Hassschläger. Heute macht ihm gerade das Schlagen weiter, kurvenreicher Drives am meisten Spaß, was gut zu seinem generellen Naturell als Gefühlsspieler passt, der früher im Kurzspiel gerne Flopshots und ähnliche kreative Schläge ausprobiert hat.
Guter Wein, guter Score: Aarons Philosophie fürs Wohlbefinden
Zum Abschluss erklärt Aaron den Zusammenhang zwischen einem guten Glas Wein und einem guten Score, ein Thema, das auf seinem Instagram-Profil bereits für Fragen gesorgt hat. Für ihn steckt dahinter eine zweigeteilte Idee. Zum einen glaubt er, dass gute Performance ein gutes Wohlbefinden voraussetzt, ein entspannter Start in den Tag mit einem schönen Frühstück wirkt sich seiner Erfahrung nach direkt auf das Golfspiel aus. Zum anderen geht es ihm um bewusstes Genießen statt Übermaß: lieber ein Glas wirklich guten Wein bewusst zelebrieren und darüber sprechen, als unreflektiert mehr zu konsumieren. Genau dieses entschleunigte, freudvolle Herangehen an den Sport, ohne Verbissenheit, zieht sich als roter Faden durch das gesamte Gespräch.
Fazit: Was Amateurgolfer von Aaron Leitmannstetters Golf Journey mitnehmen können
Aaron Leitmannstetters Weg vom Nachwuchstalent im bayerischen Kader über internationale Turniersiege bis zu seinem heutigen Leben als Athlet, Coach und Content Creator zeigt, wie viel mehr zu einer erfolgreichen Golf Journey gehört als reine Schwungtechnik. Seine Erkenntnisse zu Atmung, Mindset und einem ganzheitlichen Trainingsansatz lassen sich unabhängig vom eigenen Handicap anwenden, ebenso wie sein Plädoyer für mehr Wohlbefinden und Leichtigkeit auf dem Platz. Wer mehr über sein Projekt Road2 350 Yards oder seine Coaching-Angebote erfahren möchte, findet mehr dazu im Podcast.

